Es ist Sommer – die Bienen sind nahe dem Entwicklungshöhepunkt, die Honigräume sind gefüllt, die Brutnester sind groß – alles ist perfekt. Vieles ist nicht so wie es erscheint – das Problem lauert im Untergrund:

Die Varroamilbe bedroht bekanntlich die Honigbienen. Sie hält sich auf den Bienen (untere Hautschuppen) zur Reife und Ernährung und zur Vermehrung in der verdeckelten Brut auf. Dort hat sie mind. 12 Tage Zeit, sich zu reproduzieren, was sie sehr erfolgreich macht! Der Schutz in der verdeckelten Brut ist ein kluger Schachzug der Evolution, der die Milbe so erfolgreich macht und die Bienen so herausfordert. Denn vom Frühjahr an schlüpfen Restmengen an Milben, die in jedem Bienenvolk auch über den Winter verbleiben, vor jeder Brutverdeckelung in die Brutzellen und vermehren sich – erst langsam, dann immer schneller. Eine typische Populationsvermehrung in der Natur, die logarithmisch zunimmt. Das bedeutet, die sich vermehrenden Milben verdoppeln sich annähernd nach jedem Brutzyklus, abzüglich derer, die versterben. Diese Dynamik ist eine Herausforderung für jedes Bienenvolk: Aus 50 Milben im Mai entstehen in 4 Brutzyklen (ca. 3 Monate) theoretisch rund 3000 Milben bis zum August!

Um diese Vermehrungsrate zu unterbrechen, gibt es verschiedene Möglichkeiten für Imker, die grundsätzlich nach der letzten Honigernte eingesetzt werden, z. Bsp.

  • Behandlung mit organischen Säuren (Milchsäure, Ameisensäure 60 %ig, Oxalsäure)
  • Behandlung Akariziden (Milben abtötende synthetische Substanzen)
  • Biologische Behandlungen wie Brutpause, Brutunterbrechung
  • Kombination von genannten Verfahren

Alle Verfahren haben Vor- und Nachteile. Aus praktischer Sicht ist die Behandlung mit Akariziden das einfachste Verfahren mit größter Wirksamkeit. Der große Nachteil ist die Anreicherung solcher Substanzen im Wachs der Brutwaben (will man nicht haben; denn es kann nicht entfernt werden !).

Die Behandlung mit organischen Säuren ist – je nach Substanz und Methode – aufwändig. So muss beim Einsatz von Ameisensäure 60 %ig eine spezielle Einrichtung zur geordneten Verdampfung in das Bienenvolk eingebracht werden. In dieser tropft eine vorher einzustellende Menge an Ameisensäure auf einen sog. Docht (Filterplatte), der für eine ständige Verdunstung sorgen soll. Die Menge der in der Stockluft enthaltenen (wirksamen) Ameisensäure ist abhängig von der Stocktemperatur, der Luftbewegung der Bienen (Fächeln gegen das fremde Agenz oder Belüftung allgemein oder Kühlung durch Wasserverdunstung bei Hitze) und vom Feuchtegehalt der Luft. Diese Multivarianz zeigt schon, dass bei wechselnden Wetterverhältnissen eine gezielte, effiziente Langzeitbehandlung über 2 Wochen schwierig werden kann. Erfolg und Misserfolg liegen hier sehr nah beieinander. Letzteres findet sich dann in einem hohen Milbenbefall im September bei den betreffenden Völkern wieder. Und dann ist guter Rat teuer…

Früher waren Kurzzeitbehandlungen mittels Tränken eines Schwammtuchs mit Ameisensäure geduldet. Diese konnten innerhalb von 24 Stunde abgeschlossen werden, so dass man kurzzeitig auf die Wetterverhältnisse reagieren konnte, auch und gerade im September. Die Behandlung wurde mehrfach wiederholt. Leider ist dies heute nicht mehr erlaubt.

Milchsäure und Oxalsäurelösungen werden durch Besprühen der Bienen auf den Waben eingebracht. Die Dosierung ist dabei unwägbar – es kommt auf die Einstellung des Sprühkopfes an, wieviel Menge an wirksamem Agenz auf den Bienen landet. Zudem ist die Erzeugung von Aerosolen für Imker, die ja Wabe und Sprühflasche in Armlänge halten müssen, unangenehm, da man dieses Aerosol einatmet. Da hilft nur die FFP2-Maske… Als Folge dessen, ist die Effizienz der jeweiligen Stoffe sehr unterschiedlich.

Ein Verfahren, das in Deutschland nicht erlaubt ist, jedoch in angrenzenden Ländern in der EU, ist die Sublimation von Oxalsäure-dihydrat, ein Feststoff, der bei höheren Temperaturen kurz unterhalb der Zersetzungstemperatur sublimiert. Das bedeutet, der Feststoff verdampft, ohne vorher flüssig zu werden, direkt in die Stockluft. Dabei kühlt sich die Oxalsäure ab und kondensiert als feinster Staub in der Luft, der sich auf jeder offenen Fläche im Bienenstock niederschlägt. Die Verteilung übernehmen die Bienen, die gegen den Staub fächeln und einen Luftstrom erzeugen, der die staubige Luft im gesamten Bienenstock verteilt. Erfahrungen mit diesem Verfahren zeigen überdeutlich, dass die Bienen nicht beeinträchtigt werden, jedoch die aufsitzenden Milben effizient, d.h. bis zu 90 %, abgetötet werden.

Alle Verfahren erfordern für eine hohe Wirksamkeit einen Zustand der Brutfreiheit im Volk, damit die Milben sich komplett auf den Bienen aufhalten und dies zur Zeit hoher Bruttätigkeit der Bienen im Sommer (um sich auf die nahende kalte Jahreszeit vorzubereiten). Das ist ein anscheinend unlösbarer Gegensatz – viel Brut für die Wintervorbereitung, jedoch Brutfreiheit zur Varroareduktion.

Damit kommt man zu den beiden biologischen Verfahren, die den Einsatz milbentötender Substanzen teilweise vermeidet – je nach Befallsgrad: Brutpause und Brutunterbrechung.

Brutunterbrechung (totale Brutentnahme, TBE) ist eine Simulation der Schwarmsituation. Die Brutwaben werden den Wirtschaftsvölkern mit nur wenig ansitzenden Bienen entnommen und in sog. Brutscheunen gesammelt. Als Ersatz erhalten die Völker Eigenwachsmittelwände, die sie ausbauen können. Dabei muss gefüttert werden, um den Bautrieb im simulierten Schwarmgeschehen zu fördern. Mit den Brutwaben wird im Sommer der größte Teil der Milbenfraktion entnommen (gut die Hälfte bis zu zwei Drittel) und so eine erhebliche Reduktion des Befalls durch einen einzigen Eingriff vorgenommen. Eine ergänzende Behandlung mit org. Säuren vor der Verdeckelung von neu angelegten Brutzellen ist der zweite Schritt – damit wird die Milbenfraktion auf den Bienen reduziert. Alternativ kann man auch mit einer sog. Fangwabe arbeiten – das ist eine Wabe mit überwiegend offener Brut, in welcher sich die Milben sammeln, um sich zu vermehren. Die Fangwabe wird nach kompletter Verdeckelung den Völkern entnommen, einschließlich der enthaltenen Milben und ggf. den o.g. Brutscheunen zugefügt.

Welche Behandlung gewählt wird, ist nicht erheblich – sie muss nur wirksam sein. Damit erreicht man

  • Reduktion der Milben um gut 90 % im Sommer
  • Aufbau eines komplett neuen Brutnests mit idealer Struktur für den Wintersitz
  • Entnahme aller alten Waben (Hygiene im Brutnest)
  • Förderung und Aktivierung der Vitalfunktionen im jew. Volk

Gesammelte Brut in den Brutscheunen sind ein hoher Infektionsfaktor; denn die Bienen schlüpfen aus den Zellen und damit die sich dort vermehrten Milben. Bienen können milbenbelastet wieder in die Altvölker zurückkehren und die ganze Aktion zunichte machen. Darum ist eine Aufstellung der Brutscheunen am Bienenstand ein „no go“ – sie werden aus dem Flugkreis der Bienenvölker entfernt. Diese Einheiten ziehen sich eine neue Königin aus der vorhandenen offenen Brut oder man gibt ihnen eine ältere Königin, die ohnehin ausgeschleust werden soll, die die Bienen zusammenhält.

Brutscheunen erfordern eine gesonderte Behandlung auf dem entlegenen Standort: Zur Abtötung der Milben, die mit den Bienen schlüpfen, ist eine Langzeitbehandlung mit Ameisensäure oder mehrfache Kurzzeitbehandlungen (sog. Blockbehandlungen) notwendig. Die schlüpfenden Bienen sind, je nach Befallsgrad, mehr oder weniger schon geschädigt und versterben in der Umgebung der Brutscheunen. Was übrig bleibt und über einen kompletten Brutzyklus (21 Tage) behandelt wurde, ist milbenarm bzw. -frei. Bei niedrigem Befallsgrad der Wirtschaftsvölker können Brutscheunen nach Milbeneradikation zur Verstärkung von Völkern auf diese verteilt werden oder man füttert sie auf und überwintert sie als neue Völker. Eigene Erfahrungen zeigen, dass diese Völker durchaus vergleichbar mit anderen im nächsten FJ sind, wenn die nachgezogenen Königinnen „aus gutem Hause“ stammen, sprich aus einer guten Linie.

Ganz ähnlich wird im Verfahren der Brutunterbrechung gehandelt. Dazu wird in den Wirtschaftsvölkern die jeweilige Königin herausgenommen und in ein Kompartiment eingesperrt, in dem sie ihre Eiablage weiter vornehmen kann. Diese Abteile können viele Formen haben – sog. Bannwabentaschen, eine Metallgittertasche mit Boden und Deckel, in die eine Brutwabe passt oder eine selbstgebaute Wabentasche mit geeignetem Boden und Gitter oder ganze Absperrgitter die vertikal in das Brutnest eingebracht werden. Die Gitter sind für die Bienen passierbar, jedoch nicht für die Königin, so dass diese nur auf der abgesperrten Wabe zur Eiablage kommt. Es gibt im Imkerhandel auch Kunststoffkäfige, die in eine Wabe eingebaut werden können, wo dann die Königin eingesperrt wird. Die Zellen dieser Käfige sind so konstruiert, dass sie nicht hoch genug sind und die Bienen die frischen Stifte immer wieder entfernen, so dass die Königin permanent legen kann.

Bleiben die Königinnen über 24 Tage eingesperrt, ist aus jedem Ei außerhalb des Kompartiments mittlerweile eine Biene geworden, die auch geschlüpft ist. Da keine neuen Stifte mehr nachkommen (nur im abgesperrten Bereich), hat das Volk nach dieser Zeit keine verdeckelte Brut mehr, damit auch keine versteckten Milben, mit Ausnahme in der Wabe mit der Königin. Diese kann bei gut legenden Königinnen auch nach 12 Tagen erneuert werden, sofern sie voll mit Brut belegt ist. Das hat den Vorteil, dass die Kapazität im Kompartiment vergrößert wird: Milben schlüpfen in die nach 9 Tagen ausschließlich im Kompartiment verfügbaren offenen Brutzellen und reichern sich dort an, während außerhalb nur noch verdeckelte Brut vorhanden ist. Die zweite Wabe im Kompartiment, die nach z.B. 12 Tagen eingebracht wird, kann dann auch die zwangsläufig neuerlich schlüpfenden Milben aus der Brut außerhalb des Kompartiments aufnehmen. Nach 24 Tagen wird die Königin freigelassen, das Gitter entfernt und ggf. die noch nicht vollständig verdeckelte Brut auf dieser Fangwabe im Volk belassen, bis alle Zellen verdeckelt sind. Damit kann man weitere Milben einfangen und entnehmen. Diese Fangwaben werden wie bei der TBE in Brutscheunen gesammelt oder direkt vernichtet, wenn der Milbenbefall zu hoch ist.

Dieses biologische Verfahren kann auch mit einer Abschlussbehandlung kombiniert werden. Eine Kurzzeitbehandlung nach Freilassen der Königin und/oder Entnahme der Fangwabe reduziert die noch auf den Bienen sitzende Milbenfraktion erheblich. Da zu dem Zeitpunkt noch keine neue Brut zur Verdeckelung ansteht (< 9 Tage nach Befreiung der Königin), sind alle restlichen Milben auf den Bienen der Behandlung ausgeliefert. 

Der Vorteil der Brutpause gegenüber der TBE ist einerseits der reduzierte materielle Aufwand (eine neue Mittelwand pro Volk, keine große Menge an Brutscheunen) und v.a.D. der Zeitfaktor. In der Zeit hoher Arbeitsbelastung durch Honigernte, Füttern und Behandeln der Völker kann durch das Einsperren der Königin die Zeit zur Varroabehandlung gestreckt werden. Zudem haben die Milben mehr Zeit zur Einwanderung in die gezielt offenen Brutzellen zur Verfügung, was die Effizienz erhöht. Das Verfahren befindet sich in meiner Imkerei momentan noch in der Probephase, soll bei Eignung künftig routinemäßig eingesetzt werden.

An dieser Stelle noch eine Anmerkung zur Wirksamkeit der Ameisensäure 60%ig in die verdeckelten Brutzellen: Durch das winzige Atemloch im Wachsdeckel kann Ameisensäuredampf eindringen. Vorausgesetzt, dieser ist idealerweise in der Konzentration ausreichend zur Abtötung einer Milbe (Partialdruck in der Luft muss stimmen – feuchtigkeitsabhängig!), muss berücksichtigt werden, dass die Muttermilbe sich im Futtersaft der jew. Larve aufhält. Dieser besteht aus Zucker- und Proteinlösung. Letztere sind Substanzen mit sog. Pufferkapazität, d.h., die Säurewirkung wird infolge des Kontakts mit dem Futtersaft abgeschwächt und die Milbe wenig bis gar nicht geschädigt. Der Effekt, welcher sich einstellen kann ist eher dadurch gekennzeichnet, dass die Larve durch den Säuredampf geschädigt (; denn sie liegt ja nicht vollständig im Futtersaft) und deren Entwicklung gestört wird. Das erkennen die Bienen und räumen diese Larven aus den verdeckelten Zellen aus, gleichzeitig auch die Milben. Dieses Verhalten lässt sich auch bei sog. varroa sensitive hygiene-Völkern beobachten, die Milben innerhalb von verdeckelten Zellen wahrnehmen können und diese ausräumen. Wie dort kommt es unter Ameisensäurebehandlungen zum Ausräumen der Brut, was zwar hilft, jedoch sind die Bienenschädigungen beachtlich, da die Ameisensäuredämpfe in die Atemöffnungen der Bienen (Tracheen) eindringt und diese verletzt. Dies erfolgt insbesondere bei Jungbienen…

Abschließend eine Betrachtung zur Selektion von Bienenvölkern, die mit der Varroamilbe einen Ko-existenzmodus aufgebaut haben, was durch die beschriebenen biologischen Verfahren besser ermöglicht wird. Herauszufinden, welche Völker mit den Milben zurechtkommen, heißt nicht, dass diese keinen Milbenbefall haben. Ko-existenz von Bienen und Varroamilben bedeutet, die Völker können die Milben auf einem bestimmten Level halten und deren Vermehrung darüber hinaus verhindern. Um diese Völker zu finden, eignen sich pauschale Behandlungsmethoden mit org. Säuren oder Akariziden nicht; denn sie reduzieren die Milben in hohem Maße, verhindern aber deren erneute Infektion von außen oder von innen (aus der Brut) nicht. Die beschriebenen biologischen Methoden lassen Bienen und Imker die Chance, eine Neuentwicklung des Befalls zu erkennen und zu steuern. Lässt man z.B. die Behandlung nach der totalen Brutentnahme oder nach der Käfigung der Königin weg, können die Bienen evt. neu befallene Zellen ausräumen. Das bedeutet, man fördert die Erkennung solcher Zellen und deren Eradizierung durch die Bienen selbst.

Praktisch bedeutet das eine nachfolgende permanenten Kontrolle des Milbenbefalls der so behandelten Völker. In den Wochen nach TBE oder Käfigen der Königinnen werden von Zeit zu Zeit als Indikator herabfallende Milben auf einer sog. Varroaschublade gesammelt und ausgezählt. Es gibt Richtwerte, bei deren Überschreiten eine exakte Diagnose gemacht werden muss, um den Stand der Dinge zu erfassen, z.B., die Alkoholauswaschmethode von Bienenproben. Leider versterben die beprobten Bienen dabei, was aber angesichts der relativ hohen Sterberate mit hohen Schlupfzahlen von Jungbienen z.B. im August für ein Bienenvolk kein Problem darstellt. Diese Messung liefert einen exakten Befallsgrad der Ammenbienen aus dem Brutnest. Anhand dieser Werte kann man seine Handlungen entscheiden – keine Behandlung bei Befall < 1 %, Beobachtung bei > 1 % und Behandlung bei Befall > 2 %. Die Völker, die keinen langfristigen Ko-existenzmechanismus gefunden haben, sollen ja ebenfalls überleben! Dagegen kommen die Völker mit permanent geringem Befall auf jeden Fall in die Selektion für weitere Vermehrung. Dabei sind Parameter wie Honigleistung, Sanftmut usw. eher sekundär, um vorerst die Kandidaten mit Milbenstabilität zu selektieren.

Behandelt werden die erneut befallenen Völker im August bis Oktober idealerweise mit sog. Blockbehandlungen, begleitet mit einer ständigen Kontrolle des Milbentotenfalls. Langzeitbehandlungen sind um diese Zeit oftmals wegen des Wetters nicht machbar.

Die recht detaillierte Beschreibung der Maßnahmen im Sommer gegen den Milbenbefall von Honigbienenvölkern macht deutlich, wieviel Arbeit in der Betreuung liegt, die der Honigkonsument gar nicht kennt. Mittlerweile stellt die vorausschauende Varroareduktion im Sommer eine hohe Arbeitsspitze im Jahreslauf mit den Bienen dar, gewährleistet aber eine hohe Überlebensrate der Völker über den Winter. Die künftige Arbeit zu reduzieren und Selektion zu betreiben, ist der Ansporn für die Varroa-tolerante Biene.

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